GLAS Club
GLAS Automobil Club International e.V.
Zeitgenoess. Mikrus-Probefahrt Der Mikrus MR 300 von Jürgen Kraxenberger

In den Jahren 1958-1960 sind in der Ortschaft Mielec 1.728 Kleinwagen vom Typ Mikrus MR300 entstanden. Der Reporter Grzegorz Grden hat den hauptamtlichen Konstrukteur mgr.inz. Stanislaw Duszkiewicz, der seinerzeit federführend für die Schaffung des Fahrzeuges zuständig war, interviewt.
Mikrus
Mikrus

1956, nach dem Tode Stalins, war in Polen eine erste, leichte Liberalisierung eingetreten. Man nutzte die Gelegenheit und entschioss sich in Mielec (Südpolen) zwei Gruppen von Autokonstrukteuren zu etablieren. Das waren junge Leute, die gerade die Krakauer polytechnische Hochschule absolviert hatten. Es entstand ein Konstruktionsbüro, um eigene, neue Fahrzeugtypen zu schaffen. Die Gruppe bestand aus 20 Personen, davon 6 Ingenieure von der oben angeführten polytechnischen Hochschule. Es wurde beschlossen, Kraftfahrzeuge zu produzieren und so entstand der Gedanke von der Schaffung des Mikrus. Es sollte ein Kleinwagen werden einfach in der Bedienung, preiswert, angelehnt an die seinerzeitigen Konstruktionen in Westeuropa. Die Konstruktion eines guten Fahrzeuges dauert Jahre, darum hat unser Konstruktionsbüro ohne Pause fleißig gearbeitet. Das Fahrzeug bekam den Namen Mikrus, weil es ein Mikrofahrzeug verkörpert hat. Das Emblem des Mikrus wurde aus der Luftfahrt abgeleitet, weil das Fahrzeug in einer "Flugwerft" gebaut wurde. Zu gleicher Zeit hatte man in einem Warschauer Vorort am Projekt des Kleinwagens Syrena gearbeitet. Als man den Warschauer Betrieb besuchte, stellte man fest, dass man dort eine Gemischtbauweise im Auge hatte (Holzskelett mit Blech beplankt). Dieses Verfahren war für den Mikrus nicht sehr günstig. Man ging davon aus, dass eine selbsttragende Stahlkarosserie vom Gewicht her vorteilhaft ist. Für die Karosserie war Herr Wysocki zuständig, und für die anderen Elemente war die gesamte Gruppe zuständig. Für die Blechteile wurde eine Presse aus einer Blei/Zinklegierung geschaffen, die für 1000 bis max. 2000 Werkstücke ausgelegt war. Das wäre gerade ausreichend gewesen, um die erste Serie zu schaffen. Der Prototyp war fertiggestellt, jedoch ohne Elektrik. Jetzt kam ein begnadeter Elektriker und strickte den Kabelbaum. Zu dieser Zeit gab es keinen Blinker und keinen Unterbrecher zu kaufen. Da der Elektriker ein pfiffiges Kerlchen war, versorgte man ihn mit Drähten, Leitungen und anderem Grundmaterial.
Der Mikrus MR 300 von Jürgen Kraxenberger
Der Mikrus MR 300 von Jürgen Kraxenberger
Nach zwei Tagen und zwei Nächten ohne Pause (das Essen, brachte man ihm in die Werkstatt) war die Elektroinstallation beendet, leider ohne Dokumentation, Dazu wiederum war der Elektriker nicht fähig. Daraufhin wurde aus der Flugzeugwerft ein Mitarbeiter geholt, der für die Dokumentation der Elektroinstallation der Flugzeuge zuständig war. Jetzt hat der Elektriker dem Kollegen aus der Flugwerft über einen Zeitraum von 2 Wochen Leitung für Leitung erklärt, um daraus einen Schaltplan abzuleiten. Mit der Arbeit an den Prototypen wurde im November 1956 begonnen. Am polnischen Nationalfeiertag, dem 22. Juli 1957, sind die ersten drei fertigen Prototypen aus dem Werk gerollt. Den Bau des Motors hat die Fabrik in Rzeszow übernommen. Die Größe der Räder wurde von der zufällig produzierten Reifengröße bestimmt. Die Karosserien wurden in mehreren Farbtönen angeboten. Die Qualität des Lackes war von einer außerordentlich hohen Güte, so dass nach einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren kaum Korrosionsbefall an den Karosserieblechen aufgetreten war. Hinzu kam, dass aus fertigung stechnischen Gründen ein 0,8 mm Stahlblech nicht verfügbar war. Darum kam ein Blech von 1,2 mm Stärke zum Einsatz. Zur Korrosionsvorsorge wurde die komplette Karosserie für 5 bis 10 Minuten in ein Phosphorbad getaucht und anschließend in die Lackiererei geschafft.
Die Kunde darüber, dass man in Mielec einen Kleinwagen baut, hatte sich blitzartig im ganzen Land heru mgesprochen. So erf u hr a uch der damalige Ministerpräsident Jozef Cyrankiewicz von dieser Tatsache. Er war allgemein als Enthusiast der Motorisierung bekannt und fuhr auch seinen MercedesDienstwagen ohne Chauffeur. Im Mai '58 wurden die Konstrukteure des Mikrus mit neu produzierter Limousine und einer Cabrioletversion nach Warschau zum Ministerpräsidenten hinbestellt, um die Fahrzeuge vorzuführen. Als die beiden Fahrzeuge auf eigener Achse vor dem Palast des Ministerrates angekommen waren, hat der Ministerpräsident in Begleitung vieler Neugieriger und Interessierter die Fahrzeuge in Augenschein genommen.
Die Autos hatten auf den Ministerpräsidenten offensichtlich einen sehr guten Eindruck gemacht. Nachdem viele Fragen beantwortet wurden, kam die Frage nach der Gangschaltung. Der Ministerpräsident setzte sich hinter das Steuer, neben ihm nahm der Vizepremier Platz. Der Motor wurde gestartet und eine unerwartete Fahrt begann Richtung Innenstadt.
Es entstand eine Panik, da die Gorillas überrascht waren, keiner hatte mit so einer Blitzaktion gerechnet, so dass der Ministerpräsident mit seinem Stellvertreter ohne jegliche Schutzbegleitung am normalen Straßenverkehr teilnahmen. Nach einer Stunde sind diese aber ohne Vorfälle wieder zurückgekommen. Wie später zu erfahren war, hatten die beiden Herren auf den Straßen Warschaus eine Sensation ausgelöst. Die den Fahrzeugstrom regelnden Milizposten waren völlig überrascht, ihren Ministerpräsidenten am Steuer eines unbekannten Fahrzeuges zu sehen. Sofort wurden die Kreuzungen gesperrt, um dem unbekannten Fahrzeugtyp mit der honorigen Besatzung freie Fahrt zu gewährleisten. Die gesamte polnische Presse hatte anschließend das Ereignis kommentiert, was für den neu auf den polnischen Markt kommenden Mikrus die beste Reklame war. Der Ministerpräsident hatte nach Beendigung seiner Spritztour gute Worte gefunden, die Initiatoren gelobt und größte Erfolge gewünscht. Das einzige, was bei dieser Fahrt negativ auffiel, war die Geräuschkulisse des Motors. Nach Beginn der Serienproduktion wurden die Autos gern gekauft. Im Juli 1960 wurden drei Fahrzeuge auf der internationalen Messe Posen (vergleichbar mit der Frühjahrs und Herbstmesse in Leipzig) einem großen in und ausländischen Publikum präsentiert.
Der Mikrus Motor -Identisch mit dem Goggomobil?
Der Mikrus Motor - Identisch mit dem Goggomobil?
Kurze Zeit danach fuhr eine Werksdelegation mit dem Produktionsleiter nach Moskau, um dort das Fahrzeug ebenfalls als Erfolg der polnischen Industrie auf einer Messe vorzustellen.
Die Ausstellung in Moskau wurde sehr sorgfältig vorbereitet. Die Moskauer Journalisten waren von den polnischen Fahrzeugen sehr angetan und im Nu waren in den Moskauer Zeitungen die Erfolge der polnischen Automobilkonstrukteure verbreitet. Leider hatte die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt den eigenen Kleinwagen Zaporoz noch nicht so weit entwickelt, dass er auf der Messe hätte ausgestellt werden können. So sah sich Moskau im Zugzwang und befahl der polnischen Ausstellungsleitung, die Mikrus-Wagen (noch vor dem offiziellen Beginn der Messe) zu entfernen. Am gleichen Tage erreichte das Werk in Mielec ein Telex aus Warschau vom Minister der Schwerindustrie. Aus dem Telex ging hervor, dass die Produktion augenblicklich zu stoppen sei und die gesamte Belegschaft in den Urlaub zu schicken sei. Weiterhin wurde gefordert, dass alle existierenden Fahrzeuge, die sich auf Probefahrten befanden, einzuziehen seien, um sie anschließend zu verschrotten. Das gesamte Ersatzteillager war ebenfalls vor diesem Befehl betroffen. Die gesamte Dokumentation sei komplett zu inventarisieren und anschließend im Büro für geheime Akten zu hinterlegen. Dort sollte sie bis zur Aktenvernichtung gelagert werden. Das Ganze war eine politische Maßnahme. Somit hat Moskau durch einen Schachzug verhindert, dass ein unterjochtes Land wirtschaftlich größere Erfolge nachweisen konnte als der große Bruder. In der Fabrik in Mielec war man natürlich sprach und ratlos. Nach ca. 14 Tagen fasste man den Entschluss: Aus dem Mikrus-PKW ein Mikrus Transportfahrzeug zu konstruieren. Das Hinterteil des Daches wurde abgetrennt, der Kraftstofftank kam nach vorn. Über dem Motor wurde eine Plattform angebracht, darüber kamen Plane und Spriegel und fertig war der Lieferwagen. Diese Konstruktionsänderungen wurden zu einer Nacht und Nebelaktion, die hauptverantwortlichen Konstrukteure hatten ihr zu Hause tagelang nicht gesehen. In den Werkshallen wurde gespeist und geschlafen. Als die Umbaumaßnahmen abgeschlossen waren, wurde das neu entstandene Fahrzeug in einer Nachtfahrt nach Warschau gebracht, um es dort dem Minister vorzustellen. Als das Fahrzeug in Warschau vor dem Gebäude des Ministerrates geparkt war, sammelte sich wiederum eine Schar Zeitungsreporter an. Es wurden Fotos gemacht. Der Minister beorderte leitende Postfunktionäre sowie Verantwortliche für das Handwerk, um sich deren Meinung über die Verwendungsmöglichkeit eines solchen Kombitransportfahrzeuges anzuhören. Es wurde einhellige Zustimmung laut. Es kam die Frage nach dem Preis eines solchen Fahrzeuges. Es wurden 30.000 zl Produktionskosten genannt. Im Vergleich zu dieser Summe: Der monatliche Verdienst des leitenden Ingenieurs in Mielec betrug 7.500 zl. Im Verkauf wiederum sollte das Fahrzeug 54.000 zl kosten.
Uwe Staufenberg mit MIKRUS in Madison/USA
Uwe Staufenberg mit MIKRUS in Madison/USA
Es wurde eine Konferenz einberufen, der Minister erkundigte sich über den bestehenden Bedarf an so einem Fahrzeug.
Alles in allem stellte man fest, dass eine Jahresproduktion von 100.000 Stück den Bedarf decken könnte. Für die damalige Zeit war das eine unvorstellbar hohe Jahresstückzahl. Das alles wurde im Protokoll festgehalten. Nach Beendigung der Konferenz wurde der Minister beim polnischen Ministerpräsidenten Cyrankiewicz zum Report vorstellig. Im Werk wiederum wartete man gespannt auf das Ergebnis. Nach etwa 1 Woche kam vom Ministerium wiederum der Befehl - liquidieren. In der Summe wäre das ein wirklich brauchbares Fahrzeug geworden, denn zwischenzeitlich hatte die Motorenfabrik in Rzeszow die Leistung und Hubraum erhöht auf 400 ccm und 20 PS. Vor der endgültigen Stilllegung der Produktion wurden noch Pläne für die Zukunft gemacht. So sollte unter anderem ein Motor aus der Militärbedarffabrik in Lodz im Mikrus Anwendung finden. Es gab bereits ein Fahrzeug, das mit diesem Motor ausgestattet war und etwa 50.000 km zurückgelegt.hatte. Auch die Karosserie sollte um 60 cm an Länge gewinnen. So gesehen waren es schon Pläne für die Zukunft, welche diesem Fahrzeug sicherlich gut zu Gesicht gestanden hätten.
Der Autor dieses Artikels erwähnt unter anderem, dass Frankreich an einer Lieferung des Mikrus nach Frankreich interessiert gewesen wäre, aber wie schon gesagt, es sollte und durfte eben nicht sein.

Zum Schluss noch der technische Steckbrief des Mikrus: Länge 3010 mm, Breite und Höhe jeweils 1300 mm, Achsstand 1850 mm, Spurbreite 1100 mm, Leergewicht 470 kg, Zuladung 230 kg, Höchstgeschwindigkeit ca. 85 km/h, Kraftstoffverbrauch 4,8 bis 6,5 1 auf 100 km, Motor 296 ccm, Leistung 14,5 PS. Im Vergleich zum Goggomobil verfügte das Fahrzeug über einen Kofferraum von 200 dzm im Vorderwagen. Da das Fahrzeug auch über keine Bugklappe verfügte, musste das Gepäck von innen in das Gepäckabteil verstaut werden.

Der Redakteur vermerkt am Ende des Artikels unter PS: Der Mikrus-Konstrukteur Stanislaw Duszkiewicz hatte nach Beendigung der polytechnischen Hochschule in Krakau im Alter von 25 Jahren den Mikrus geschaffen. Für sein Lebenswerk in Mielec wurde er mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet.
Der Redakteur vermerkt, dass Einzelheiten des Mikrus mit entsprechender Bebilderung in naher Zukunft in der Zeitschrift erscheinen werden und vermerkt weiter, dass bis zum heutigen Tage einige Unklarheiten zur Identität des Motors/Antriebstranges/Vorderachse/Lenkung mit dem deutschen GLAS-Goggomobil nicht aufgeklärt wurden. Der Redakteur weiß, dass vom deutschen GLAS-Club wiederholt festgestellt wurde, dass der Motor des Goggomobiles mit dem Mikrus-Motor identisch ist. Mit dem Antriebsstrang, Vorderachse und Lenkung verhält es sich ähnlich. Auch gab es in Deutschland wahlweise einen 400ccm-Motor für das Goggomobil.
Nach 45 Jahren jedoch besteht kaum noch eine Chance, die Wege zu verfolgen, über welche technische Einzelheiten aus Dingolfing nach Mielec gelangt sind.