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Der Mikrus
Das polnische Goggomobil |
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Bei meiner Fahrt durch Lettland und Polen mit meinem Goggomobil hatte ich das unglaubliche Glück, auf einen Oldtimerfreund zu stoßen, der einen (unehelichen) polnischen Ableger der Goggomobil Limousine restauriert. Denn in Polen entstand die wohl originalgetreueste Kopie des Goggomobils - so dreist wurde sonst nicht abgekupfert.
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Bei einem späteren Besuch in Polen stieß R. Poensgen auf einen Mikrus. Der Vergleich der beiden Fahrzeuge ist sehr interessant und aufschlußreich. |
Mit Hilfe eines Freundes konnte ich so einen Teil der Geschichte des Mikrus erhellen:
Im Herbst 1956 fiel die Entscheidung des Ministeriums für Transport und Verkehr zum Bau eines Kleinwagens. Die bekannte Technische Hochschule in Rzeszow wurde mit der Entwicklung beauftragt. Ein paar Ingenieure hatten im Februar 1957 den Entwurf des Mikrus fertiggestellt. Die ersten beiden Prototypen wurden am 22. Juli 1957 der Öffentlichkeit präsentiert.
 | | Die Rückansicht des Mikrus zeigt mit den zahlreichen Lüftungsschlitzen immerhin eine gewisse Eigenständigkeit. |
Wie es zu der großen Ähnlichkeit des Mikrus mit dem Goggomobil kam, dazu gibt es zwei Varianten:
Von der ersten berichtet Robert Poensgen, damals vielbeschäftigter und sehr geachteter Tester und Redakteur verschiedener Zeitschriften: "Mein erstes Auto, oder genauer, mein erstes Goggomobil, war feuerwehrrot und hatte einen 300 ccm Motor. Zu jener Zeit hatte ich als Sportjournalist mehrfach über Motorrad-Geländefahrten im Ostblock zu berichten. So ergab es sich, daß wir mit unserem Goggomobil durch die ganze Tschechoslowakei bis nach Polen und hinauf nach Ostpreußen reisten.
Im Ostblock war das Goggomobil natürlich die Sensation schlechthin. Opel gut, Mercedes gut, und beide doch unerreichbar.  | |
Der Torso einer Limousine. Die Löcher in der Vorderfront sind nachträglich hineingeschnitten, um eine Innenraumbelüftung zu schaffen. | Aber so ein kleines Autochen
- da hatten die Leute das Gefühl, so etwas konnte man sich vielleicht eines Tages auch leisten. Und so mußte ich öfter mit Polizeihilfe bis zu meinem Goggo vordringen. In Allenstein schließlich hatte ich meinen ersten und glücklicherweise auch einzigen Unfall. ich fuhr auf einen plötzlich bremsenden Wagen von hinten auf. Uns Insassen ist glücklicherweise nicht viel passiert, aber die Schnauze des Goggomobils war eingedrückt und die Vorderachse (soweit man überhaupt davon sprechen durfte) total krumm, die Lenkung kaputt. An ein Weiterfahren war deshalb nicht zu denken. Meine Freunde vom polnischen Automobilclub nahmen sich des Schadens an. Wir reisten per Bahn nach Hause, ich ließ von Dingolfing aus die benötigten Ersatzteile nach Polen schicken. Und knapp ein Jahr später konnten wir unser Autochen freudestrahlend wieder in Empfang nehmen.
 | | Dies ist eines der beiden Cabrios. Dieses wird zur Zeit in Polen restauriert. | Es war auch alles wirklich perfekt repariert bloß die Farbe stimmte nicht mehr. Sie sah ziemlich verdächtig nach dem Rotton der tschechischen Jawa-Motorräder aus. Daß die wackeren Polen die Chance genutzt hatten, die sich ihnen durch den Zwangsaufenthalt meines Goggos bot, das zeigte sich 2 Jahre später. Da nämlich bekam das Goggomobil auch seinen polnischen Stiefbruder zu Gesicht, der der Goggomobil Limousine viel ähnlicher sah als das Stiefgeschwister in der Regel tun."
 | | Ist das etwa ein Goggomobil-Luftfilter? Irrtum - es ist natürlich der Luftfilter eines Mikrus! |
Die zweite Version ergibt sich aus den Erinnerungen der Firmenleitung von Glas:
Auf einer der ersten Messen, auf der das Goggo ausgestellt wurde, kam ein Pole und fragte an, ob man denn das Goggo auch in Lizenz bauen dürfte. Der alte GLAS war skeptisch wegen der Bezahlung der Lizenzgebühren. Doch es schien so, als wolle das Ostblockland in harten Devisen bezahlen. In zwei weiteren Treffen wurden die Details festgelegt, doch plötzlich wollten die Polen mit Kohlenlieferungen bezahlen.  | | Hier sind einige Einzelteile des Mikrus zu sehen. Lenkrad à la Citroen, Halbachse mit Lagerung hinten, 2teiliger Luftfilter Stoßdämpfer mit doppelter Schraubenfeder (wer genau hinschaut, der kann vielleicht innerhalb der äußeren Feder den gegenläufigen Wendel erkennen) | Glas brach sofort die Verhandlungen ab, denn was solle er mit Kohlen? Die Delegation besorgte sich dann auf dem freien Markt einige Goggomobile und verschwand mit ihnen erstmal hinter den eisernen Vorhang. Als dann die Kunde des Goggo-Nachbaues aus Polen bis Dingolfing drang, war der alte Glas natürlich fuchsteufelswild so wie es seine Art war und der schalt auf alle, die mit der ganzen Aktion zu tun haben konnten. Aber er versuchte auch, rechtliche Schritte zu unternehmen, den Polen den Nachbau zu untersagen. Doch Polen war zu dieser Zeit für den Arm des Gesetzes so unendlich weit weg.
Bis Ende des Jahres 1957 wurden nun 17 weitere Exemplare als Vorserien und Testfahrzeuge fertiggestellt.  | | Dies ist der Motor des Mikrus, wie man sieht in Form, Aufbau und Detail identisch mit dem des Goggos. |
Gebaut wurde der Mikrus übrigens in der ehemaligen Flugzeugwerft in Mielec.
Im ersten Halbjahr des Jahres 1958 wurden dann die ersten 100 Fahrzeuge an die Kunden verkauft. Jeder Käufer erhielt mit dem Fahrzeug einen Bogen, in den er seine Erfahrungen mit dem Wagen eintragen mußte.
Technisch baut der Mikrus in etwa auf der 56er Goggomobil Limousine auf. Bereits kurz nach der Markteinführung wurden verschiedene Teile des Mikrus in der Produktion ausgetauscht.
So wurden deutsche Bing-Vergaser 1/26/54 mit 26 mm Durchmesser gegen den polnischen Vergaser Pegaz GM 26/51 und die Bosch-Zündanlage durch ein einheimisches Produkt (PR 1 A) ersetzt, was aber die Zuverlässigkeit des Mikrus stark verminderte.
Daher lautete der erste Wunsch des befreundeten Polen, der den Mikrus aufbaut, nach Bing-Vergaser und Bosch-Aniage.
Es kam auch zu Kupplungsschäden, da die Kupplung nach den alten Goggomodellen noch auf der Kurbelwelle lief. Ebenso waren die Kugelgelenke der Lenkung den Strapazen der polnischen Straßen leider nicht lange gewachsen. Die Motoraufhängung mußte ebenfalls verstärkt werden.
Als eine weitere Unterscheidung des Mikrus zum Goggomobil sind die Gußteile zu nennen, die in ihrer ganzen Art insgesamt grober ausgeführt sind.
 | | Früh übt sich, wer einen Mikrus 'mal fahren will. Hier sitzt Bernd Seiffert hinter einem Mikrus-Lenkrad probe - paßt! |
Im Jahre 1957 entstanden, ähnNch wie bei Goggo auch, zwei Cabrio-Modelle, die ebenso nicht in die Serienfertigung übernommen wurden.
1959 hat die Regierung bereits über die Einstellung der Produktion nachgedacht und Anfang 1960 dies auch vollzogen. Vermutlich haben die Drohungen des Hans Glas doch bis nach Polen gewirkt.
Insgesamt wurden lediglich 1723 dieser Fahrzeuge gebaut. Darunter sind auch einige als Serien-Pickup, die jedoch im Unterschied zum Goggo lediglich 200 kg Zuladung hatten.
Wegen der doch recht guten Qualität fahren noch relativ viele der raren Mikrus über polnische Straßen. Und wer das Glück hat, der kann auch heute noch einen dieser Wagen aufgebockt in einer Garage finden und vielleicht erstehen.
Vielen Dank an meinen Kleinwagenfreund Zenon in Posen für die Information und die Fotomögfichkeit. Viel Erfolg wünsche ich ihm bei der weiteren Restauration des Mikrus Cabrios.
Bernhard Seiffert.
Und wer es ganz genau wissen will ... Technische Daten
| TECHNISCHE DATEN: |
MIKRUS MR 300 |
GOGGOMOBIL T300, BJ 1957 |
| MOTOR |
Typ Mi-10 Aluminium mit Luftkühlung |
Typ 02 Aluminium mit Luftkühlung |
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ZYLINDERZAHL |
2 |
2 |
| HUBRAUM |
296 ccm |
293 ccm |
| LEISTUNG |
10,7 kw bei 5100 U/min (14,5 PS) |
10,9 kw bei 4800 U/min (14,8 PS) |
| DREHMOMEHT |
1,9 mkg bei 3500 U/min |
2,35 mkg. bei 4100 U/min |
| VERGASER |
Bing 1/26/54 |
Bing Startvergaser 1/26/45 |
| ELEKTR. ANLAGE |
12 Volt |
12 Volt |
| LICHTMASCHINE |
130 Watt |
130 Watt |
| BATTERIE |
2 Batterien zu je 6 Volt 14 Ah |
12 Volt 18 Ah |
| SCHEIBENWISCHER |
nur auf der Fahrerseite |
Fahrer und Beifahrerseite |
| GETRIEBE |
Vierganggetriebe im gemeinsamen Gehäuse |
Vierganggetriebe mit Klauenschaltung im Motorgehäuse |
| AUFBAU |
teilselbsttragend aus Stahlblech, Vordersitze für 2 Erwachsene, Rückbank für 2 Kinder |
Karosserie mittragend aus Stahlblech, wahlweise mit Schiebedach, Sitze für 2 Erwachsene und 2 Kinder |
| BODEN |
Bodenplatte aus Stahlblech mit Holzteilen |
Plattformboden aus profiliertem Stahlblech |
| RADAUFHÄNGUNG |
vorne Einzelradaufhängung mit Querlenkern, hinten Pendelachse |
vorne Einzeiradaufhängung mit Querlenkern, hinten Pendelachse |
| FEDERUNG |
Doppel-Schraubenfedem mit Teleskop-Oldruck-Stoßdämpfern |
einfache Schraubenfedem mit darin angeordneten Teleskop-Stoßdämpfern |
| BEREIFUNG |
4,40-10 |
4,40-10 (1.1/1.6 Atü) |
| LENKUNG |
1:2,25 (= direkt ausgelegt) |
Zahnstangenlenkung |
| WENDEKREISDURCHMESSER |
9,20 Meter |
7,50 Meter |
| RADSTAND |
1850 mm |
1800 mm |
| SPURWEITE |
1100 mm vorne und hinten |
1090 mm |
| GESAMTLÄNGE |
3010 mm |
2900 mm |
| BREITE |
1310 mm |
1280 mm |
| HÖHE |
1330 mm |
1310 mm |
| EIGENGEWICHT |
472 kg |
390 kg vollgetankt |
| ZULADUNG |
230 kg |
260 kg |
| HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT |
85 km/h |
88 km/h (im Test) |
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VERBRAUCH |
4,8 bis 6,5 Liter |
6,5 Liter (Testverbrauch) |
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